Mitgefühl als Nüchternheit

Warum sollten wir den Menschen im Täter, Feind oder toxischen Elternteil sehen?

Von den ersten Momenten unseres Lebens an sind es Güte, Zärtlichkeit und Fürsorge, die uns helfen zu überleben und mit Schwierigkeiten umzugehen. Doch mit der Zeit verlieren wir oft das Gefühl für ihre Bedeutung.
Mitgefühl und Freundlichkeit werden fälschlicherweise als Naivität oder als bedingungsloses Vergeben gesehen – als Strategien, die in einer harten Welt angeblich keinen Platz haben.
Manchmal scheint es, als würden sie dazu aufrufen, vor Grausamkeit, Verrat oder Lüge die Augen zu verschließen.

Mitgefühl ist keine Schwäche – sondern eine Ressource

In den letzten Jahren wurden jedoch zahlreiche ernsthafte Studien veröffentlicht, die das Gegenteil zeigen.
Programme zur Förderung von Mitgefühl (auch Selbstmitgefühl) senken nachweislich Stress, Angstzustände und posttraumatische Symptome.
Und das nicht nur im Therapieraum, sondern auch im echten Leben: bei Ärzt:innen, Rettungskräften, Menschen, die Gewalt oder Krieg erlebt haben.
Mitgefühl erweist sich nicht als „weiche Philosophie“, sondern als praktischer Weg, sich selbst zu unterstützen – ohne Illusionen und ohne Verhärtung.

Mitgefühl als klare Sichtweise

Mit anderen Worten: Mitgefühl ist eine fundierte und wissenschaftlich belegte Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit und Resilienz – in Krieg, Trauma, moralischen Verletzungen, Stress und Konflikten.
Wenn unsere Wahrnehmung getrübt ist, stolpern wir häufiger – nicht weil die Realität so ist, sondern weil wir sie so sehen.
Je klarer wir die Dinge erkennen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns verletzen.
Verzerrungen, Ängste und Projektionen verstärken das Leiden. Mitgefühl bringt den Fokus zurück.

Es hilft zu sehen: Ja, ein Feind kann grausam sein. Aber hinter der Wut steht vielleicht Verzweiflung. Hinter der Aggression – das Gefühl, in die Enge getrieben zu sein.
Das ist keine Rechtfertigung und kein Versöhnungsversuch. Es ist Nüchternheit.

Wenn wir im Täter kein Monster, sondern einen Menschen sehen – nicht ideal, vielleicht gefährlich, aber dennoch menschlich –, dann sind wir nicht länger blind.
Und das bedeutet mehr Freiheit im Handeln.

Die Gefahr der Entmenschlichung

Besonders in Zeiten der Feindseligkeit – im Krieg, in zerstörerischen Konflikten oder unter starkem Druck – ist das entscheidend.
In solchen Momenten fällt es leicht, sich der Illusion hinzugeben: „Der Feind ist kein Mensch.“

Doch sobald wir dem anderen das Menschsein absprechen, wird er beängstigend – weil wir ihn nicht mehr einschätzen können.
Er wird zu etwas Unvorhersehbarem, wie ein Wesen aus der Dunkelheit.
Und die Angst vor dem Unbekannten verstärkt innere Anspannung und Trauma.

Entmenschlichung wirkt bequem – sie erleichtert Aggression und schafft Distanz zum Schmerz.
Doch der Preis ist hoch: Wenn wir im anderen keinen Menschen mehr sehen, verlieren wir auch den Kontakt zu uns selbst.
Entmenschlichung stumpft unsere inneren Grenzen ab und kann zu Taten führen, die wir später bereuen.

„Die Entmenschlichung des Gegners reduziert kurzfristige moralische Belastung, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit für spätere emotionale Erschöpfung und Schuldgefühle.“
— Winders et al., 2020

Mitgefühl stellt den Kontakt zur Realität wieder her

Nicht die Realität selbst verletzt uns, sondern ihre Verzerrung.
Nicht die Tatsache, dass jemand uns wehgetan hat, sondern der Glaube, dass diese Person das personifizierte Böse ist – und ich das hilflose Opfer.
Mitgefühl bringt uns zurück zu dem, was ist. Es nimmt den Schmerz nicht weg, aber es gibt ihm Sinn.

Es gibt uns die Kraft, Grenzen zu setzen, Widerstand zu leisten, zu gehen, uns zu schützen – nicht aus Zerstörung, sondern aus Klarheit heraus.
Körper und Psyche danken uns in der Regel für diese Art, mit der Welt in Kontakt zu treten.

Mitgefühl und Handeln schließen sich nicht aus

Mitgefühl steht dem Handeln nicht im Weg.
Wir können unsere Rechte vor Gericht verteidigen, unser Land schützen, toxische Beziehungen beenden – und dabei die Menschlichkeit des anderen nicht verlieren.
Das ist keine Schwäche, sondern Reife.
Den Feind als Menschen zu sehen heißt nicht, ihm zuzustimmen. Es heißt, sich selbst nicht zu zerstören.

Der Mut, präsent zu bleiben

Der Kern von Mitgefühl ist Mut und Weisheit.
Der Mut, sich dem Schmerz zu stellen, die Dinge zu sehen, wie sie sind – nicht wegzuschauen, sich nicht selbst zu verurteilen, sondern präsent zu bleiben.
Und die Weisheit, zu unterstützen.
Mitgefühl schließt Handeln nicht aus – es schließt Zerstörung aus.
Es ermöglicht uns, in Kontakt mit der Realität zu bleiben, so schwierig sie auch ist.

Das macht Mitgefühl nicht zu einer tröstenden Idee, sondern zu einer reifen und tragfähigen Strategie.

Es ist wichtig zu verstehen: Mitgefühl ist nicht etwas, das wir immer fühlen müssen.
Es ist keine Pflicht und kein Gefühl nach Plan, sondern eine übergeordnete Haltung.
Gefühle kommen und gehen aus vielerlei Gründen – inneren wie äußeren.
Wir müssen sie nicht kontrollieren, unterdrücken oder uns ihrer schämen.

Unsere Aufgabe ist nicht, Mitgefühl mit Gewalt herbeizuführen, sondern es dann zu kultivieren, wenn es möglich ist.
Wenn wir es als Mittel nutzen wollen, mit der Realität in Kontakt zu bleiben und uns selbst zu unterstützen – dann lernen wir einfach, es dort einzusetzen, wo innerer Raum dafür da ist.